Mali wollte ihre Zeit nicht wieder mit Warten verbringen. Nein, draußen wartete das wahre Leben! Und die nächste Überraschung auf Mali. Eine, die zwar ihrem Outfit entgegen kam, aber nicht ihrem Herzen entsprach. Denn auf den sonst so eifrig frequentierten Wegen war es wie ausgestorben. Von Weitem grüßten einzelne Landschaftsgärtner, hielten dafür jedoch kaum in ihrer Arbeit inne. Genauso wie zwei Stallburschen zu Pferd. Eine freche schwarze Katze war beinahe das einzige Lebewesen, das ihr einen interessierten Blick zuwarf, bevor auch die sich trollte.

Im landwirtschaftlichen Bereich war es noch schlimmer. Fenster wurden geschlossen, Türen fielen wieder zu oder man tat so, als sei man sehr in seine Arbeit vertieft und habe sie gar nicht bemerkt.

„So kann ich nicht weiterarbeiten“, schimpfte da ein Mann in ihre Gedanken und sein Funkgerät. „Wo ist Herr Roger?“

Bevor Heinrich, einer der bäuerlichen Angestellten, sie entdecken konnte, hüpfte Mali hinter einen Baum und lauschte.

„Er ist mal wieder anderweitig beschäftigt, was auch sonst!“ – „Nein, Entschuldigung. Natürlich habe ich hier nicht die oberste Priorität für die Herrschaften.“

Die herbe Rüge, die er sich für seine dreiste Anmaßung anhören musste, bekam sogar Mali mit.

„Ja, aber ich brauche die Stecklinge genauso wie jedes Jahr.“ – „Wenn wir nicht säen, können wir nicht ernten, so einfach ist das!“ – „Die Schafe haben ihre Lämmer vor Wochen bekommen und müssen …“

Angespannt hörte Heinrich seinem Gesprächspartner zu und sein Gesicht wurde immer roter.

„Ja, ja, ich weiß auch, was heute Morgen an der Tür zur Kapelle stand!“

Mali fuhr zusammen.

 

 

 

 

„Mike beachtet mich gar nicht mehr als Frau.“

Roger grinste schelmisch, was Mali ungewollt verlegen werden ließ.

„Mali, geh doch einfach mal davon aus, dass jeder dich als Frau wahrnimmt, und tu, wozu du Lust hast. Du bist eine Frau, eine sehr vielseitig begabte und immer sehr hübsche Erscheinung. Selten bist du reinweg schön, aber …“

Da musste Mali nachhaken. „Selten schön? Wie meinst du das?“

Nun gab sich Roger verstohlen.

„Sag schon!“, forderte sie, weil er ihr die Antwort schuldig bleiben wollte.

„Dieses Kleid ist neu, oder?“, lenkte er ab, und Mali verzog das Gesicht.

Roger gefiel es Fragen stellen zu können und er fragte und fragte.

Sie wollte just leicht genervt antworten, da fielen ihr seine glänzenden Augen auf. Das war der richtige Moment, um ihm auch etwas vorzuwerfen.

„Und du hast dich auch tagelang nicht blicken lassen“, schrie sie fast und schluchzte so tief, dass ihr Oberkörper bebte. „Ich bin selten schön. Findest du dieses Kleid denn wirklich schön? Steht es mir gut?“

Roger wand sich großzügig nickend ab.

„Ja, ein schönes Kleid, für eine schöne Frau. Mali, Mike ist mein Ewiger Freund“, schien er zu bedauern und er schenkte sich ein Glas Orangensaft ein, das er eilig hinunterstürzte.

„Und du tust ihm einen großen Gefallen, wenn du das mal kurz verdrängst“, versuchte Mali, ihn ein kleines bisschen in Versuchung zu führen und stemmte die Hände in die Hüften, was ihre Brüste an den Rand ihres Ausschnitts presste. „Lass uns über Sex sprechen.“

Roger antwortete mit einem Hustenanfall, und sie musste ihm einige beherzte Schläge auf den Rücken geben, damit er wieder frei Luft bekam.

„Komm schon. Du bist auch mein Freund und du kennst dich in eurem Ehrenkodex aus. Mike hat irgendwas und ich … Also muss sich die Frau eines Ligisten wirklich immer nur mit Gänseblümchensex zufriedengeben?“

Rogers Augen blitzten blau auf.

„Gänseblümchensex?“

 

 

 

Fünf in schwarze Gewänder gekleidete Männer, die Kapuzen tief in die Gesichter gezogen, erwarteten einen Anderen in der Nacht. Kurz nach zwölf, unter einer zunehmenden Mondsichel bildeten sie einen Kreis um das entzündete Feuer im Wald. Entschlossen, mit aller Härte vorzugehen, wenn einer der ihren den Tugenden den Rücken kehrte. Zusammen summten sie das Wiegenlied derer von Irminar. Ein Lied, dessen Text lange als verloren gegolten hatte. Etu war unter ihnen. Und nicht nur das, er wurde von Willem und Ernest zum Zeremonienmeister des Habitus ernannt, da Mike gegen diesen alten Ritus gewesen war. Allerdings gab es nicht viele weitere Wege, dafür zu sorgen, dass sich die dämonische Krankheit zeigte.

Mit Alex´ Erscheinen ging alles plötzlich ganz schnell. Ernest warf ein Kupfer-Selen-Gemisch in die Flammen, die zischend grünblau aufloderten und für Irritation sorgten. Daraufhin machte Alex, der ahnte, was nun passieren sollte, wie erwartet kehrt und versuchte zu fliehen. Seine Verfolger, die sofort reagierten, waren ihm dicht auf den Fersen und hetzten ihn.

„Du bist vom rechten Weg abgekommen“, rief einer.

„Dachtest du, wir merken es nicht?“

„Wir sind die Dunkelheit, die du herbeigerufen hast.“

„Wir sind das Familienlicht, das dich läutern wird.“

„Wir sind da, wo du dich verloren hast.“

Diese und ähnlich bedrohliche Rufe klangen mal lauter, mal leiser durch die Nacht. Sie waren zu beiden Seiten ausgeschwärmt, kreuzten die Wege ihres Opfers und stießen ihn dabei zu Boden.

 

 

 

 

Niemand begegnete ihr, aber alles stank nach diesem Dämon. Wie in einer anderen Zeit kam es ihr vor, als sei alles schon geschehen, schon vorbei und für sie nicht mehr zu ändern, ein weiterer schrecklicher Teil der Geschichte ihres Lebens. Sich jetzt um die einfachsten Bedürfnisse ihres Körpers kümmern zu müssen, war banal und sie verriegelte die Tür zum Klo.

Kurze Zeit darauf war keine Hoffnung mehr da.

Mali brauchte eine halbe Ewigkeit, um von der Toilette aufzustehen und in den Waschbereich zu gelangen. Sie fühlte sich um Jahrzehnte gealtert. Leichenblass war sie und verheult. Einsam und geschlagen, griffen ihre Hände wie durch fremde Mächte gelenkt nach dem Dolch. Die ewige Ruhe lockte, die endliche Stille in ihrem Herzen. Mit einem gleichgültigen Gefühl betrachtete Mali die Frau im Spiegel, sah, wie sie den Dolch hob, sah, wie erbärmlich sie war. Wann käme der gefiederte Drache, um sie zu zerreißen? Nein, sie konnte nicht mehr davonlaufen, nicht mehr auf ihm reiten. Sie war es nicht wert, hatte niemanden nützen können. Nichts blieb und so richtete sie die Spitze des Dolches auf ihren Nacken. Dorthin, wo nur ein kleiner Ruck reichen würde, und die Frau im Spiegel schloss die Augen.

War Roger schon gestorben? Hatte er bis zum letzten Atemzug auf sie gehofft? Wollte er ihr vielleicht noch etwas sagen? Sie wusste es nicht. Sanft streichelten bekannte Berührungen ihre Haut. Waren es weiche Federn? Am tiefsten Punkt ihrer Verletzlichkeit sah sie zu, wie die Schneide des Dolches ihren Kopf von jenen einzigartigen Strähnen befreite. Eine Locke folgte welligem, folgte glattem Haar. Sie wollte frei sein. Ungeschminkt, kahlköpfig, blutend.

„Solange Leben in mir ist, sind es meine Gedanken, die die Welt verändern können“, flüsterte sie, schloss noch einmal die Augen und riss sie dann mit aller Kraft auf.

Sie war Mali!

Und ein einziger Schrei gelangte an ihre Ohren und sie lief ihrem Schicksal entgegen.

 

 

 

 

Tag um Tag stand Mali am Strand, sah auf das Meer hinaus, hörte sein Kommen und Gehen, und mehr war da nicht. In Gedanken auf schamanische Weise, auf christliche im Gebet und körperlich in der Bewegung suchte sie nach dem Ort, an dem sie sich verloren haben musste. Den Weg zum Glücklichsein. Kein Anhaltspunkt. Viele Dinge waren geschehen, seit sie erstmals zum Haus von Irminar aufbrach, wunderbare und schreckliche. Die Liebe zu Mike überflügelte alles und dennoch, ohne Hast, ohne ihre Uhr überhaupt angelegt zu haben, genoss sie den Anblick der untergehenden Sonne. Nahm nur beiläufig die verliebten Paare wahr, die Selfies von sich vor der romantischen Kulisse machten. Ihr Handy lag in der Pension und sie war sich sicher, dass Mike kein Selfie von ihr mit Sonnenuntergang haben wollte. Tränen rollten wieder über ihre Wangen. Sie vermisste ihn, sehr sogar und es tat ihr leid, abgehauen zu sein.

„Was mache ich eigentlich hier?“, fragte sie leise sich selbst.

Schweigend gab ihr Innerstes keine Antwort.

 

 

 

 

.... Weiter kam er nicht, denn Mike knurrte gefährlich.

„Roger. Heute! Und ist das jetzt wirklich mein Hauptproblem?“

„Natürlich nicht. Was machst du, wenn sie schlecht tanzt? Willst du es nicht vor der Trauung ausprobieren?“

Wieder knurrte Mike. „Nein, werde ich nicht. Vielleicht ist sie keine Prima Ballerina, aber mir ist das nicht so wichtig. Ich werde sie heiraten, selbst wenn sie gar nicht tanzen kann.“

„Ernsthaft?“

„Roger, du bist ein Spinner!“, urteilte er und lachte endlich aus voller Brust.