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Ani konnte Mike von Irminar nicht weiterhelfen. Ganz im Gegenteil, denn anscheinend war er selbst der Letzte, der Mali gesehen hatte. Das war über zwei Stunden her. Seine Logik führte ihn in den Rosengarten und der liebliche Duft war ihm mit einem Mal verhasst. Auch hier von Mali keine Spur. Verbissen marschierte er an sich rarmachendem Personal vorbei durch den Haupttrakt, in den vorderen Teil des Parks. Alles ruhig.

 

Einer leichten Heuwehe verdankte er schließlich sein neues Ziel. Die Stallungen. Dort öffnete der Suchende mit bedachtsamer Routine die kleine Eingangspforte, denn um diese Zeit herrschte bereits Stallruhe. Ein angenehmes, trockenes Klima hieß ihn willkommen und seine Pferde gaben ihre Anwesenheit bekannt. Diesen Kontaktwunsch gänzlich zu ignorieren gefiel Mike von Irminar nicht. Aber das war nicht das einzige, was ihm nicht gefiel. Eine männliche Stimme flüsterte in der hinteren Ecke. Mike verstärkte sein Hörvermögen und vernahm Teile von Sätzen.

 

Um diese Zeit nicht ... gefällt mir ... keiner vermisst dich ... rechtzeitig fertig ... mir zuliebe.“ Wer diese Worte gesprochen hatte, erkannte er sofort. Frank.

 

Etwas Weibliches gab dazu glucksende Geräusche von sich. Doch über das Geraschel von Stroh war es schwer zu sagen, wer sie war. Zornig registrierten von Irminars hochsensible Sinne Malis Präsenz in der Nähe. Ihre Fährte schwebte wie glitzernder Dunst vor ihm, nahezu greifbar. Der sauber gekehrte Gang ermöglichte ein geräuschloses Vorwärtskommen und so verpasste er fast seinen ältesten Hengst. Zumindest ihn wollte er kurz begrüßen.

 

 

 

 

 

 

 

 

In dieser Nacht erwachte Mike von Irminar aus einem unruhigen Schlaf. Mali lag dicht an ihn gekuschelt und schlief. Was ja mal was anderes ist, dachte er lächelnd.

 

Die vielen Neuigkeiten, auch in Bezug auf Mali und Oliver, dazu seine frischen Gefühle trieben ihn aus dem Bett. Sie schlief ungerührt weiter. Zum vertrauten Nachthimmel aufsehend, resümierte er die Bilder und Eindrücke des vergangenen Tages. Besonders gefiel ihm die Erinnerung an Mali und wie sie beim kleinen Picknick auf seinem Bein gelegen hatte. Ihre sonst so regen Augen geschlossen, ganz entspannt. Sie lächelte sanft, als er durch ihre Haar strich und stillhielt, als wolle sie nichts gefährden. Die Momente, in denen er ihr näher kam, waren so intensiv in seinem Gedächtnis, beinahe als würde er sie noch einmal wahrhaftig durchleben, wenn er nur daran dachte. Er wollte sie küssen. Doch es wäre ihr erster wirklicher Kuss gewesen und den wollte er nicht vor neugierigen Augen geben. Auch wusste er nicht, wie sie reagieren würde. Die letzten beiden Küsse begleitete ein seltsamer Beigeschmack, wenn er es überhaupt so nennen konnte. Sie war doch beide Male verletzt und äußerlich passiv. Er wollte sie letzten Abend vor dem Zubettgehen küssen. Aber sie reagierte ausweichend, sobald ein geeigneter Augenblick näher kam. Konnte sie zum Küssen zu schüchtern sein, zum gemeinsam im Bett Liegen jedoch nicht? Lag das an seinen heilenden Küssen? Zwischendurch beäugte sie ihn hoch konzentriert. Darüber lächelte er. Ja, sie war stark und strahlte Glück aus.

 

Ihm fiel ein, wie gerissen sie ihren Deal beschlossen hatten. Da kam sie ihm gar nicht jungfräulich vor. Denkbar wäre also auch, das Heraushalten von Gefühlen, schließlich beinhaltete der Deal augenscheinlich nur Sex, nicht jedoch Liebe und, galt auf den Mund küssen nicht schon immer als ein wortloses Liebesgeständnis? Darüber hinaus wünschte sie sich jedoch Aufmerksamkeiten von ihm. Oder sollte dieses Hofieren ausschließlich eine Basis für Intimeres bilden? In Bezug auf ihre Sexualität wusste sie noch gar nicht, wohin ihre Reise ging. Ob sie nun einer Schmusekatze glich, die gerne in dicken Daunen versank oder eher einer Raubkatze, die jene zerfetzte. Was er an ihr bevorzugen würde, wusste er nicht zu beantworten.

 

 

 

 

 

 

 

Komm zurück, schallte es wider und wieder durch den Wald, zwischen den Bäumen hindurch und ließ sie nicht los.

 

Nach ihrer panischen Flucht durch das Toilettenfenster der Pension, fiel sie endlos oft über Brombeerranken, die ihr unter fürchterlichen Schmerzen die Haut von Armen und Beinen rissen. Ihr Kleid zerfetzte. Sie würden sie auf jeden Fall finden. Mali durfte nicht liegen bleiben, egal wie das Wiederaufstehen sie quälte. Auch vor ihrem Gesicht machten die scharfen Dornen keinen Halt und ständig störte ein Blutrinnsal in ihren Augen, juckte an der Nase und kroch zwischen ihre Lippen. Ihr Herz pumpte genauso am Limit, wie ihre Beine sie gerade noch trugen.

 

Wir finden dich, verfolgten sie diese Worte und es klang, als seien sie direkt neben ihr. Eschen, deren Geäst sie scheuchten und peitschenartig nach ihr schlugen, wenn sie sich verlief. Buchen, die sie anzustarren schienen und überall Brennnesseln und Ranken, die sie bissen und krallend erneut zu Boden streckten. Ihr Schnaufen war das einzige lebendige Geräusch in dieser unheiligen Nacht. Unter ihren Füßen raschelte nur trockenes Laub.

 

Deinen Schatten wirst du nicht los, egal wie schnell du läufst. Voller Angst rannte sie ein weiteres Mal los, in der Hoffnung, dieser Stimme zu entfliehen. Panik brannte in jeder Zelle und schrillte durch ihren Körper. Ihre Muskeln drohten zu versagen. Aber sie musste fort, den Schatten soweit es ging entfliehen. Ich bin nicht dein Feind. Bleib stehen, trieb diese Stimme sie aber an – ihre Arme schleuderten herum und sie wechselte ihre Laufrichtung so abrupt, dass sie über einen alten Stamm stolperte und lang auf den Boden schlug.

 

Das Stück eines Zahnes kitzelte an ihrem Gaumen und langsam öffnete sie die Augen. Ihr Kopf hing tiefer als der Rest ihres Körpers und sie versuchte, sich in der Finsternis der vollen Laubkronen zu orientieren. Doch zu früh gab der lockere Waldboden unter dieser Bewegung nach und ins Nichts greifend, zog es sie in die Tiefe. Ungehalten wirbelte sie um sich selbst einen steilen Abhang hinunter. Kraftlos schützten die Hände ihr Gesicht halbwegs vor dem spitzen Geröll und sie schmetterte mit ganzer Wucht gegen einen gewaltigen Findling. Ihr zerberstender Nasenknochen schob sich gefährlich tief in ihren Kopf. Es war vorbei, ihre Flucht endete hier und sie hoffte erschöpft auf das Ende. Jede winzige Zelle in ihr stellte jedes Klagen ein, jede noch vorhandene Energie verschloss sich. In ihrem Kopf dröhnte es, als sei dieser der Schlägel einer Domglocke.

 

Roger wird sterben, wie deine Freundin, für dich. Sie öffnete ihre Augen bei diesen Worten. Verlor sich aber im Anblick der Sterne. Rette unschuldiges Leben. Aus ihrem Mund kam nur ein Röcheln. Lauwarmer Morast tränkte den lumpigen Rest ihres blauen Kleides. Vom großen Stein neben ihr lockte ein warmer Hauch und sie rückte so nah dort heran, wie es eben ging.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Willem von Irminar war es, der das Kampfgebrüll der Urahnen ausstieß und alle versammelten Männer der Liga A rannten mit erhobenen Köpfen durch die Reihen der Einfachen. Zerbarsten Bänke und Geländer auf ihrem unheilvollen Weg zur Bühne.

 

Roger von Gunlau rannte mit ihnen, schrie mit ihnen, fügte sich ein in ihren Entschluss zu kämpfen, wenn einer der ihren bedroht wurde, wenn die Schatten nach einer von ihresgleichen erwählten Frau griffen. Wenn Liebe mit der Freiheit bezahlt werden musste. Die Alten lachten, als sich die ersten Schatten ihnen in den Weg stellten, und spielten mehr mit deren Kräften, als sie schnell zu besiegen. Adrenalin lag in der Luft, wie der zitternde Atem des Publikums, das tunlichst auf den Sitzen verharrte. Sie hielten alles für eine Show. Willem kämpfte mit bloßen Händen an der Seite des eigenen Vaters, während Roger nun bei Mike angelangte.

 

Mike. Los!“, rief er, doch Mikes verhangener Blick ändert sich kaum.

 

Willem warf sich derweil auf Beli und zwischen ihnen pressten sich zwei Impulse gegeneinander, welche, Blasen gleich, nicht zur Oberfläche aufstiegen, sondern eine gegen die andere rieb. Ihre Ränder waberten und schienen gleichviel ihrer roten Energie zu besitzen. Begeistert sah Roger drei Uralte auf diese Weise kämpfen und junge Emporkömmlinge wie er, duckten sich, wenn ein Gegenstand durch die Luft flog. Der nordische Schatten nahm seinen Stuhl zur Waffe und schleuderte diesen auf Willem, der noch immer mit Beli rang.

 

Pass auf“, schrie Roger warnend.

 

Leider zu spät, Willem unterlag. Alex trug Vivien aus dem Gemenge. Eine Bank in der vierten Reihe zersplitterte ohrenbetäubend und die aufkommende Panik unter den Zuschauern, dämmten einige der Liga durch ruhige Wegweisung. Ein technischer Defekt sollte dafür verantwortlich sein. Oliver schlug geschickt eine Peitsche gegen einen fettleibigen Schatten und zog ihm die Beine weg, während ein anderer der Alten diesem Arme und Beine verschnürte und triumphierend einen Fuß auf das Bündel stellte. Vibrierend vor Kampflust, musste Roger an sich halten, denn er beschützte seinen angeschlagenen Ewigen Freund und Mali, die am Boden lag und sich nicht rührte. Gewandt sprang Beli auf den Tisch direkt neben ihm und Roger musste in dessen verkrampftes Gesicht sehen. Missmutig malmten Belis Kiefer bei seinem Anblick – sein Überleben gefiel ihm wohl nicht. Doch dann flog Belis prüfender Blick auf Mali.

 

Was hast du ihr bloß angetan?“, musste Roger verständnislos fragen. Jeder hörte die Geständnisse von Belis Liebe zu ihr und auch, wenn der sein Feind war, er glaubte es.

 

Aus Liebe“, bekannte der erneut und winkte den Schatten mit der Akte heran, der neben Ninfa kämpfte. Sie war so überlegen, dass sie ihre Gegner schonte.